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  • Georg Beck

Katastrophen auslachen

Heute, am Tag, da die große Berliner Konferenz "härtere Corona-Einschränkungen" beschließen wird, wie es heißt: voraussichtlich beschließen wird, an einem Tag, da unsere Unsicherheit, ob wird denn unsere Premiere werden spielen können noch einmal verschärft ist (die Nerven sowieso schon angespannt bis zum geht nicht mehr), an einem solchen Tag werde ich mit der Meldung konfrontiert, dass Klaus Heinrich, der Berliner Philosoph und Religionswissenschaftler, 93jährig, gestorben ist.


Wie diese beiden Nachrichten untereinander zusammenhängen und was sie mit unserem Theaterprojekt zu tun haben - dies ist gewiss erklärungsbedürftig. Ich will es wenigstens versuchen.


Ein Libretto oder ein Stück zu schreiben wie "Das Schweigen der Dafne" wäre mir ohne die Erfahrung Klaus Heinrich nicht möglich gewesen. In den Vorlesungen und Seminaren, die Klaus Heinrich an der Freien Universität gehalten hatte, spielten die antiken Stoffe, spielten die antiken Autoren eine zentrale Rolle. Allen voran Ovid. Dessen Metamorphosen ist Klaus Heinrich wieder und wieder, in allen Verästelungen und Rezeptionen in der europäischen Kunst-, Literatur-, Musikgeschichte nachgegangen. Faszinationsgeschichte hat Heinrich dazu gesagt. Und er hat versucht, uns auf einen Unterschied aufmerksam zu machen. Im mythischen Erzählen (so wie es Ovid in den Metamorphosen vorführt) steckt, so war Heinrichs These, ein Realismus. Die verdrängten Konflikte der Wirklichkeit - im Mythos, so Heinrich, treten sie zu Tage. Was die Philosophie verdrängt (gemeint war die Philosophie Platons) würde im Mythos sichtbar.


Darauf macht unser Theaterstück die Probe aufs Exempel. In der Geschichte von "Apoll und Dafne" geht es um die Beziehung der Geschlechter, es geht um das Begehren in der Geschlechterbeziehung und wie es umschlägt oder in der Gefahr steht, umzuschlagen in Zerstörung, in Selbstzerstörung.


Letzteres war das große Thema von Klaus Heinrich.

Wie widerstehen den Prozessen der Selbstzerstörung, in denen wir stehen?


Womit die Brücke zurückgeschlagen wäre zum Anfang, zur großen Konferenz und ihren voraussehbaren Beschlüssen, die unser Theaterprojekt unmittelbar tangieren werden.

Man wird fragen dürfen: Was geschieht denn nun mit den Theatern, mit den Konzerthäusern, mit den Theater- und Konzertprojekten der freien Szene? Wird die Gefahr gesehen, dass der pandemische Abwehrkampf das Gegenteil dessen bewirken könnte, was er beabsichtigt?

So richtig es ja ist, Kontakte zu beschränken, Abstände zu wahren, Schutzmaßnahmen einzuhalten - was ist, was geschieht, wenn nichts mehr geschehen darf?


Klaus Heinrich hat übrigens nicht nur Fragen gestellt, er hat auch versucht, Antworten zu geben - auch auf die Frage nach den Zerstörungsprozessen, mit denen sich die Gesellschaften immer wieder konfrontiert sehen. Eine seiner Antworten (nachzulesen in seinen Reden und Schriften) war diese: Katastrophen auslachen!


Jetzt, hier und heute, am Tag als die Nachricht vom Tod Klaus Heinrichs kam, ist mir dies wieder eingefallen. Eigentlich, so scheint es mir, steckt darin ja eine Aufforderung. Die nämlich, sich nicht einschüchtern zu lassen, Mut zu zeigen. Wie sonst sollte Ermutigung möglich sein?





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